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Helicobacter – der stille, gefährliche Magenkeim

Hartnäckiger Eisenmangel, Fatigue, schlechte TSH-Werte, eine gefurchte Zunge – hast du schon auf Helicobacter getestet? Eine Interviewzusammenfassung mit Dr. med. univ. Stefan Rohrer.

Du supplementierst Eisen seit Monaten, aber der Ferritinwert bleibt niedrig. Du schläfst genug, aber die Erschöpfung weicht nicht. Deine Levothyroxin-Dosis für Hashimoto wurde schon mehrfach angepasst, aber die TSH-Werte spielen nicht mit. Wenn dich das betrifft, ist folgender Blog ganz besonders für dich. Denn hinter all diesen Beschwerden kann ein einziger Keim stecken, der in der gängigen Diagnostik regelmäßig übersehen wird: Helicobacter pylori. Nicht als einzige Ursache, aber als unterschätzte, gut behandelbare Baustelle, die vieles verbessern kann. Dr. Stefan Rohrer, Internist und Gastroenterologe mit Spezialisierung auf funktionelle Medizin, erklärt im Interview, warum die Standarddiagnostik oft zu kurz greift und was eine wirklich vollständige Abklärung bedeutet

Helicobacter pylori ist weiter verbreitet als die meisten denken. Weltweit trägt rund 50% der Bevölkerung diesen Magenkeim in sich, in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind es bei älteren Erwachsenen schätzungsweise bis 70%. Besonders erschreckend: Rund 80% aller Infizierten wissen nichts davon, weil der Keim jahrelang keine offensichtlichen Beschwerden verursacht.

Gerade Frauen ab 40 sind besonders betroffen, ohne es zu ahnen. In den Wechseljahren verändert sich der Hormonhaushalt grundlegend, das Immunsystem wird labiler, die Schleimhäute im gesamten Körper verändern sich. Genau in dieser Phase schlägt ein unentdeckter Helicobacter besonders heftig zu, weil er auf ein bereits geschwächtes System trifft.

Wenn Symptome auftreten, werden sie oft fehlgedeutet:

Anhaltende Oberbauchschmerzen oder ein Druckgefühl unter dem Brustbein, das sich besonders nüchtern morgens bemerkbar macht. Häufiges Aufstoßen, Sodbrennen, Völlegefühl nach kleinen Mahlzeiten. Übelkeit, Appetitlosigkeit und Mundgeruch ohne erkennbare Ursache. Viele Frauen in der Perimenopause und Postmenopause schieben diese Beschwerden dem Hormonabfall, dem Stress oder dem Alter zu. Dahinter kann aber ein unentdeckter Helicobacter stecken.

Das sind die gesundheitlichen Risiken, wenn der Keim unbemerkt bleibt:

Chronische Magenschleimhautentzündung, die sogenannte Gastritis, entsteht bei so gut wie allen Infizierten, auch ohne spürbare Beschwerden. Aus dieser chronischen Entzündung heraus können sich Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre entwickeln, das heißt offene Wunden in der Magenschleimhaut, die bluten, schmerzen und im schlimmsten Fall einen Magendurchbruch verursachen können. H. pylori ist außerdem der wichtigste bekannte Risikofaktor für Magenkrebs. Die WHO hat den Keim bereits 1994 als Klasse-1-Karzinogen eingestuft, das bedeutet: nachgewiesener Krebsverursacher. Ca. 75% aller Magenkrebserkrankungen gehen auf eine H. pylori-Infektion zurück.

Hashimoto und Helicobacter – unheilvolles Duo

Wer Hashimoto hat, sollte Helicobacter pylori unbedingt ausschließen lassen. Der Zusammenhang ist gut belegt: Bis zu 38% der Hashimoto-Patientinnen haben gleichzeitig eine sogenannte Autoimmun-Gastritis, also eine durch das eigene Immunsystem verursachte Entzündung der Magenschleimhaut, bei der H. pylori als Auslöser oder Verstärker eine zentrale Rolle spielt. Die Folge ist ein chronischer Mangel an Magensäure, und ohne ausreichend Magensäure kann der Körper Eisen, Vitamin B12, Magnesium und andere essenzielle Nährstoffe nicht mehr richtig aufnehmen. Das erklärt bei vielen Hashimoto-Frauen den hartnäckigen Eisenmangel, die Fatigue und die neurologischen Beschwerden, gegen die keine Supplementierung richtig anschlägt. Noch gravierender: Wenn die Magensäure fehlt, wird auch das Schilddrüsenhormon Levothyroxin schlechter aufgenommen. Das heißt, die Tablette wirkt nicht mehr so wie sie soll, die TSH-Werte bleiben schlecht, obwohl die Dosis eigentlich stimmt. Ein unbehandelter Helicobacter kann also direkt dazu beitragen, dass die Hashimoto-Therapie nicht greift.

Das Tückische: Die Standarddiagnostik greift oft zu kurz. Eine negative Magenspiegelung bedeutet nicht automatisch, dass kein Helicobacter vorhanden ist. Dr. Rohrer, Internist und Gastroenterologe, empfiehlt deshalb eine dreistufige Diagnostik:

Erstens das Helicobacter-Antigen im Stuhl. Dabei wird im Stuhl nach Eiweißbestandteilen des Keims gesucht, das ist ein einfacher, nicht-invasiver Test.

Zweitens die Serologie, also Antikörper im Blut. Das bedeutet: Das Blut wird auf Abwehrstoffe untersucht, die der Körper gegen den Keim gebildet hat. Diese Antikörper bleiben oft jahrelang nachweisbar, auch wenn der Keim selbst nicht mehr im Magen direkt nachweisbar ist.

Drittens, besonders wichtig: der Western Blot. Das ist eine spezielle Laboruntersuchung des Blutes, die präziser als ein normaler Antikörpertest ist und vor allem zeigt, ob man einen der aggressiven Stämme trägt, die sogenannten CagA- und VacA-positiven Typen. CagA steht für „Cytotoxin-associated gene A“, VacA für „vacuolating cytotoxin A“. Diese Virulenzfaktoren sind genetische Eigenschaften des Keims, die ihn besonders aggressiv machen und die mit Magenkrebs und Autoimmunerkrankungen assoziiert sind.

Zur Therapie hat Dr. Rohrer einen integrativen Ansatz entwickelt:

Naturheilkundlich setzt Dr. Rohrer auf Pylopass, ein spezielles Präparat auf Basis von Lactobacillus reuteri DSM17648. Das ist kein gewöhnliches Probiotikum, sondern ein abgetöteter Keim, der im Magen gezielt an Helicobacter andockt und ihn mit sich aus dem Magen transportiert, anstatt ihn zu bekämpfen. Die Wirksamkeit ist durch mehrere klinische Studien belegt, zuletzt eine Doppelblindstudie von 2024. Dazu kommen weitere naturheilkundliche Wirkstoffe: Bismut, ein natürliches Mineralstoffpräparat, das die Magenschleimhaut schützt und die Bakterienmembran schädigt. Berberin, ein Pflanzenwirkstoff aus der Berberitze mit antibakterieller Wirkung. Vitamin C, Oregano-Extrakt sowie homöopathische Ansätze mit Helicobacter-Nosoden, das sind stark verdünnte Präparate aus dem Keim selbst nach homöopathischen Prinzipien.

Off Label Medikamente

Schulmedizinisch oder kombiniert arbeitet Dr. Rohrer mit PYLERA über 14 Tage. PYLERA ist ein Kombinationspräparat, das gleichzeitig drei Wirkstoffe enthält: Bismut, Metronidazol und Tetrazyklin. Es ist die sogenannte Bismut-Quadrupeltherapie, die seit 2022 als offizieller Therapiestandard gilt, weil die klassische Triple-Therapie wegen zunehmender Antibiotikaresistenzen an Wirksamkeit verloren hat. Als weitere Option setzt Dr. Rohrer Off-label auf Nitazoxanid, ein Antiparasitikum, das ursprünglich zur Behandlung von Parasiten im Darm entwickelt wurde, jedoch in Kombinationsprotokollen gute Ergebnisse gegen H. pylori zeigt. Off-label bedeutet: Das Medikament ist für diese Anwendung nicht offiziell zugelassen, wird aber auf Basis von Forschungsdaten und ärztlicher Erfahrung eingesetzt. Beides muss immer mit einem Protonenpumpenhemmer kombiniert werden. Das sind Medikamente, die die Magensäureproduktion hemmen, zum Beispiel Omeprazol oder Pantoprazol. Ohne diese Säurehemmung kann der Wirkstoff den Keim im sauren Magenmilieu nicht ausreichend erreichen.

Ein Punkt, den Dr. Rohrer besonders betont: Wer seinen Helicobacter erfolgreich behandelt, muss auch die Mundhöhle sanieren. H. pylori sitzt häufig auch im Rachen- und Mundraum, und ohne eine gleichzeitige Behandlung dort kommt es zur Reinfektion über Schlucken. Außerdem ist eine Partnertherapie sinnvoll, denn Helicobacter ist ein familiäres Mikrobiom: Küssen reicht für eine Übertragung aus.

Zungendiagnostig aus der TCM

Ein erster kostenloser Selbstcheck ist übrigens täglich möglich, ganz ohne Labor: die eigene Zunge. In der Traditionellen Chinesischen Medizin, aber auch in der europäischen Naturheilkunde, gilt die Zunge als Spiegel der inneren Organe. Die Mitte der Zunge entspricht dabei der Zone für Magen und Milz. Konkret auf Helicobacter und Magenprobleme können folgende Zeichen hinweisen: Eine Längsfurche oder Kerbe in der Mitte der Zunge gilt als klassisches Signal einer Magenstörung und wird in der TCM-Zungendiagnostik häufig mit H. pylori-Infektionen in Verbindung gebracht. Ein dicker, weißlich-gelblicher Belag in der Zungenmitte deutet auf eine chronische Magen-Darm-Entzündung hin. Eine blasse, trockene Zunge mit Rissen kann auf einen Nährstoffmangel hinweisen, insbesondere Eisen- und Vitamin-B12-Mangel, die als typische Folge eines langfristigen Helicobacter hinzukommen. Ein Brennen auf der Zunge ohne erkennbare Ursache kann ebenfalls ein Zeichen für B12- oder Eisenmangel sein, der wiederum durch gestörte Magensäureproduktion durch H. pylori verursacht wird.

Das vollständige Interview mit Dr. Rohrer findest du im Medumio Menopause Kongress ab 27. März 2026, hier kannst du dich anmelden

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Gesundheitsblog

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